Munger Archive Suchen

Ursache von Fehlurteilen Nr. 7

Kantsche Fairness-Tendenz

Menschen erwarten faires, auf Gegenseitigkeit beruhendes Verhalten und verhalten sich selbst so — und reagieren heftig, wenn eine erwartete Fairness verletzt wird, sogar zum eigenen Nachteil.

Munger benannte dies nach Immanuel Kants kategorischem Imperativ — grob gesagt der Idee, dass man jenen Regeln folgen sollte, von denen man wünschte, dass alle ihnen folgten. Menschen tragen eine tief verwurzelte Erwartung dieser Art wechselseitiger Fairness in sich: Wir verhalten uns Fremden gegenüber anständig, wenn wir darauf vertrauen, dass sie es ebenso tun, und wir erwarten, dass andere denselben ungeschriebenen Kodex achten. Ein Großteil der reibungslosen gesellschaftlichen Zusammenarbeit beruht auf dieser gemeinsamen Annahme und nicht auf Verträgen oder Zwang.

Die Kehrseite ist, dass Verletzungen erwarteter Fairness eine heftige, mitunter selbstschädigende Reaktion auslösen. Das alltägliche Beispiel ist die geordnete Warteschlange: Menschen stehen geduldig an, weil sich alle an dieselbe faire Regel halten, und ein Einziger, der sich vordrängelt, kann eine Empörung auslösen, die in keinem Verhältnis zu den paar tatsächlich verlorenen Sekunden steht. Der Zorn gilt der gebrochenen Regel, nicht der Zeit. Menschen opfern ihr eigenes Interesse, um den Vordrängler zu bestrafen oder gegen die Unfairness zu protestieren.

Dies zu erkennen hilft in zweierlei Hinsicht. Als Gestalter von Systemen kannst du dich auf die Kooperationsbereitschaft der Menschen stützen, wenn die Regeln sichtbar fair sind und für alle gelten — und du solltest mit Ärger und sinkender Kooperation rechnen, sobald ein Verfahren als willkürlich oder manipuliert empfunden wird. Als Einzelner lohnt es sich zu bemerken, wann dein eigenes Gefühl von „das ist nicht fair“ eine kostspielige Reaktion antreibt, und sich zu fragen, ob das Prinzip den Preis wert ist, den du gerade zu zahlen im Begriff bist, um es zu verteidigen.